Tschechien als Ehrengast, große Debatten über KI und Lesekompetenz, der Deutsche Buchpreis für Shida Bazyar und jede Menge Andrang bei New Adult, Fantasy und Romance: Die 78. Frankfurter Buchmesse hat vom 7. bis 11. Oktober 2026 wieder gezeigt, wie viele Seiten die Welt der Bücher inzwischen hat. Wir blicken auf die wichtigsten Themen, Preise und Momente zurück.

236.000 Besucher:innen aus 137 Ländern, 4.000 Aussteller und mehr als 3.800 Veranstaltungen auf dem Messegelände und in der Stadt: Auch 2026 blieb die Frankfurter Buchmesse auf hohem Niveau.

Neu war vor allem die Aufteilung der Hallen. Publikumsverlage und Community-Angebote rückten in die Erdgeschosse rund um die Agora, während Rechtehandel, internationale Verlage und weitere Fachbereiche stärker auf den oberen Ebenen gebündelt wurden. Das Ziel waren kürzere Wege, bessere Orientierung und mehr Platz an den besonders vollen Publikumstagen. Laut Abschlussbilanz kam das neue Konzept bei vielen Aussteller:innen und Besucher:innen gut an.

Tschechien bringt das Meer nach Frankfurt

Ehrengast der Buchmesse 2026 war Tschechien unter dem Motto „Ein Land an der Küste“. Die Idee geht auf Shakespeares Das Wintermärchen zurück, in dem das eigentlich binnenländische Böhmen kurzerhand eine Küste bekommt.

75 tschechische Autor:innen reisten nach Frankfurt, darunter Radka Denemarková, Jaroslav Rudiš, Kateřina Tučková und Jáchym Topol. Mehr als 100 Veranstaltungen gehörten zum Ehrengastprogramm. Rund 95 deutschsprachige Verlage präsentierten zudem über 150 geförderte Neuerscheinungen aus und über Tschechien.

Auch der Pavillon griff das Küstenmotiv auf: mit einem Leuchtturm, interaktiven Bojen und großen aufblasbaren Elementen. Literatur, Comics und Illustrationen trafen dort sogar auf KI und Robotik.

Proteste und Standing Ovations bei der Eröffnung

Schon die offizielle Eröffnung am Dienstagabend sorgte für Gesprächsstoff. Die Rede des tschechischen Kulturministers Oto Klempíř wurde mehrfach von Pfiffen und Zwischenrufen begleitet. Aus dem Publikum war unter anderem das tschechische Wort „hanba“, also „Schande“, zu hören.

Ganz anders die Reaktion auf die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková. Sie sprach eindringlich über die Freiheit von Literatur und Kultur und erhielt für ihre Rede Standing Ovations. Besonders hängen blieb ihr Satz: „Bibliotheken niederzubrennen ist der Königsweg der Dummheit.“

Damit war eines der großen Themen dieser Buchmesse früh gesetzt: Welche Rolle können Bücher, Verlage und Kultur in politisch angespannten Zeiten spielen?

KI, Lesekompetenz und die Frage, wem wir vertrauen

Auch Künstliche Intelligenz war 2026 kaum zu übersehen. Dabei ging es längst nicht nur darum, wie Verlage KI bei Daten, Übersetzungen oder in der Produktion einsetzen können. Immer wieder stand die Frage im Raum, was passiert, wenn Menschen das Lesen, Recherchieren und Bewerten von Informationen zunehmend an Maschinen abgeben.

Börsenvereins-Vorsteher Sebastian Guggolz machte sich bei der Eröffnung für mehr Investitionen in Bildung stark. Sein Motto: „Reading changes everything“. Wer komplexe Texte nicht sicher verstehen und einordnen könne, habe es auch schwerer, KI-generierte Antworten kritisch zu hinterfragen.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer forderte gleichzeitig eine stärkere Regulierung großer Technologieunternehmen auf europäischer Ebene. Auch Robert Habeck war mehrfach auf der Messe zu Gast. Unter anderem stellte er sein Buch Arctic Meltdown vor und sprach über Klimawandel, Sicherheitspolitik und Europas Rolle zwischen den Großmächten.

Die Debatten waren Teil von Frankfurt Calling. Insgesamt gehörten 125 Veranstaltungen an 14 Orten zu dem kulturpolitischen Programm. Themen waren unter anderem Demokratie, Menschenrechte, KI, Desinformation, Erinnerungskultur und Klimakrise.

New Adult, Fantasy und sehr viel Community

Auf den Publikumsflächen ging es deutlich weniger theoretisch zu. Romance, New Adult und Fantasy gehörten auch 2026 zu den größten Publikumsmagneten.

Eine eigene New-Adult-Halle wie in den Vorjahren gab es nicht mehr. Stattdessen verteilten sich die Verlage und Veranstaltungen auf die Agora, die Festhalle sowie die Hallen 3.0, 4.0 und 5.0. Lesungen, Meet & Greets und Signierstunden mit Autor:innen wie Liz Tomforde, Julia Dippel, Ayla Dade oder Kyra Groh sorgten entsprechend für Andrang.

Neu war außerdem eine Creator Lounge für akkreditierte Content Creator:innen. BookTok und Bookstagram gehören damit längst selbstverständlich zum Buchmesse-Alltag.

Von Sammelkarten bis Crime World

Dass die Frankfurter Buchmesse längst mehr als Reihen voller Bücherstände bietet, zeigte sich auch an den neuen Erlebnisbereichen.

In der Trading Card Area in der Festhalle konnten Besucher:innen Karten sammeln, spielen und unter anderem Disney Lorcana ausprobieren. Die neue Crime World in Halle 5.0 machte aus dem Krimigenre ein Mitmachprogramm mit Spurensicherung, Online-Game, Fotobox und Escape Game.

Japanische Popkultur bekam mit der neuen Matsuri Stage ebenfalls einen eigenen Platz. Musik, Manga, Anime und tägliche Cosplay-Aktionen gehörten zum Programm.

Lesen, Hören, Spielen, Sammeln und Content teilen lagen damit auf der Messe näher zusammen denn je.

Auch Hörbücher werden immer größer

Auch beim Thema Audio legte die Buchmesse weiter zu. Frankfurt Audio verzeichnete mehr Aussteller als zuvor und verteilte Fach- und Publikumsangebote auf zwei Ebenen.

In Halle 4.0 richtete sich das neue Areal „Lifestyle Hören“ besonders an Fantasy-Fans. Eine Silent-Hörbuch-Disco, Live-Lesungen und Formate mit Autor:innen und Sprecher:innen machten Hörbücher direkt auf der Messe erlebbar. In Halle 4.1 traf sich die internationale Audiobranche im neuen Audio Business Centre.

Vom Buch auf die Leinwand

Auch Literaturverfilmungen spielten wieder eine größere Rolle. Beim Book-to-Screen-Programm sprach Regisseur Volker Schlöndorff gemeinsam mit Autorin Jenny Erpenbeck und Produzentin Regina Ziegler über die Verfilmung von Heimsuchung.

Der Film Heimsuchung: Eine Jahrhundertgeschichte wurde 2026 mit dem Preis der Frankfurter Buchmesse für die beste Adaption ausgezeichnet. Die deutsche Kinoveröffentlichung folgt am 15. Oktober 2026.

Der Deutsche Buchpreis geht an Shida Bazyar

Schon zwei Tage vor dem offiziellen Messestart wurde der Roman des Jahres gekürt. Den Deutschen Buchpreis 2026 erhielt Shida Bazyar am 5. Oktober für Die Lücken, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

Der Roman blickt anhand einzelner Figuren auf fast hundert Jahre deutscher Geschichte. Schauplatz ist das fiktive Heimesbach im Hunsrück. Eine tote Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur führen durch verschiedene Zeiten und Biografien.

Die Jury bezeichnete Die Lücken als „einen Roman gegen Gleichgültigkeit“.

Die Lücken von Shida Bazyar

🏆 Gewinnerin Deutscher Buchpreis 2026

Die Lücken

Shida Bazyar · Heimat, Erinnerung und das, worüber lieber niemand spricht

Heimesbach liegt im Hunsrück und existiert nur auf dem Papier. Die Geschichten, die Shida Bazyar dort zusammentreffen lässt, fühlen sich allerdings sehr real an. Über rund neunzig Jahre verfolgt der Roman Menschen und Familien, die in diesem Dorf leben, Zuflucht suchen, profitieren, verlieren und vor allem eines tun: sich erinnern oder eben nicht.

 

Dabei geht es um jüdische Familien, die während des Nationalsozialismus alles verlieren, um Menschen, die von ihrem Besitz profitieren, und Jahrzehnte später um Familien, die aus dem Iran nach Deutschland fliehen. Stück für Stück wird sichtbar, was unter der vermeintlich vertrauten Oberfläche eines Ortes verborgen liegt.

 

Warum der Roman gewonnen hat: Die Jury lobte, wie Bazyar fast hundert Jahre deutsches Leben in einzelnen Schicksalen spiegelt, erzählt aus der Perspektive einer Verstorbenen und in einer kaleidoskopartigen Form, die zwischen den Zeiten springt. Sie nannte Die Lücken einen „Roman gegen die Gleichgültigkeit".

 

Wenn du große Gesellschaftsromane magst: Die Lücken schaut dorthin, wo Familiengeschichten, Heimat und deutsche Vergangenheit ineinandergreifen. Von Shida Bazyar kennst du vielleicht schon Drei Kameradinnen oder Nachts ist es leise in Teheran.

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Auf der Shortlist standen außerdem:

  • Franziska Gänsler mit Orca
  • Valeria Gordeev mit Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
  • Elias Hirschl mit Schleifen
  • Peggy Mädler mit Selbstregulierung des Herzens
  • Dana Vowinckel mit Anton und Alma

Alle Nominierten und die ausführliche Jurybegründung findest du in unserem Überblick zum Deutschen Buchpreis 2026.

Friedenspreis für Philippe Sands

Zum Abschluss der Messe wurde am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2026 verliehen. Ausgezeichnet wurde der französisch-britische Jurist und Autor Philippe Sands.

Sands beschäftigt sich in seinen Büchern und seiner juristischen Arbeit intensiv mit Völkerrecht, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Erinnerung und der Bedeutung des Rechtsstaats. Zu seinen bekanntesten Büchern gehört Die Rattenlinie.

Seine Dankesrede in der Paulskirche trug den Titel Der Albatros des Schweigens.

Abschied von Juergen Boos

Für Juergen Boos war es eine besondere Buchmesse. Nach mehr als 20 Jahren an der Spitze eröffnete er die Messe zum letzten Mal mit dem traditionellen Hammerschlag. Nach Abschluss der Buchmesse verabschiedet er sich in den Ruhestand.

Sein Nachfolger Joachim Kaufmann ist bereits seit dem 1. September 2026 im Unternehmen. Kaufmann leitete zuvor 20 Jahre lang den Carlsen Verlag. Für die Frankfurter Buchmesse 2026 blieb allerdings noch Boos vollständig verantwortlich.

Auch der Ehrengast für das kommende Jahr steht bereits fest: Chile übernimmt 2027. Die 79. Frankfurter Buchmesse findet vom 6. bis 10. Oktober 2027 statt.

Unser Fazit zur Frankfurter Buchmesse 2026

Die Frankfurter Buchmesse 2026 hatte nicht den einen großen Trend. Gerade das machte sie interessant.

Auf der einen Seite standen Debatten über KI, Lesekompetenz, Meinungsfreiheit und die Zukunft der Buchbranche. Auf der anderen Seite zeigten volle Signierstunden, Romance-Communitys, Hörbücher, Cosplay und Sammelkarten, wie vielfältig das Lesen inzwischen geworden ist.

Besonders in Erinnerung bleibt der Auftritt von Radka Denemarková. Nicht nur wegen der Standing Ovations, sondern weil ihre Rede ziemlich gut auf den Punkt brachte, warum eine Buchmesse mehr sein kann als ein Ort, an dem neue Titel vorgestellt werden.

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